Die Kalkgraben-Formation (eine alte Bezeichnung ist Zementmergelserie) besteht aus einer Abfolge von bankigen siliziklastischen Kalk- und Kalkmergelsteinen mit zwischengeschalteten Tonsteinen (Abb. 1 und 2). Es handelt sich um eine zyklische Abfolge von Tiefwasserturbiditen und hemipelagischen Tonsteinen. Letztere bilden die Trennschicht zwischen den abgelagerten Turbiditen. Die Kalkgraben-Formation ist Teil des Penninikums und gehört zum sogenannten Rhenodanubischen Flysch. Benannt wurde sie nach einem früheren Steinbruch in der oberbayerischen Gemeinde Schliersee. Dort befindet sich ein Referenzprofil. Zeitlich sind die Ablagerungen in die höhere Oberkreide zu stellen.
Der Rhenodanubische Flysch ist eine Abfolge von Turbiditen, also von Suspensionsströmen, die während der Kreidezeit den Kontinentalhang hinab in das penninische Becken glitten. Die vom Festland eingeschwemmten Sedimente kamen zunächst am Schelfrand zum Absatz. Dort lagerten die wassergesättigten, wenig konsolidierten Ablagerungen extrem instabil. Sie konnten leicht in Bewegungen geraten und als Suspensionsströme der Schwerkraft folgend in die Tiefe gelangen und die mitgeführten Sedimente am Kontinentalfuß fächerartig absetzen. Auslösende Ereignisse waren etwa Vulkanismus, Erdbeben oder auch sehr starke Stürme.
Eine Turbiditsequenz zeigt im Idealfall eine aus fünf Einheiten (A-E) aufgebaute Abfolge und wird auch als Bouma-Sequenz bezeichnet. In den Ablagerungen der Kalkgraben-Formation ist diese zyklische Abfolge zumindest teilweise zu erkennen. Die harten Kalk- und Kalkmergelbänke sind die Ablagerungen der Turbidite, deren Sedimente vom Schelf und letztlich vom Festland stammen. Die zwischengeschalteten Tonsteine bilden dagegen die gewöhnliche Tiefseesedimentation in den Ruhephasen. Während ein Turbidit ein Sedimentationsereignis von Stunden bis Tagen repräsentiert, entstanden die feinkörnigen Zwischenlagen im Zeitraum von mehreren zehntausend Jahren. Die Grenze zwischen den beiden Ablagerungsformen ist scharf ausgebildet.
Während der Alpenentstehung wurde der Rhenodanubische Flysch auf das Helvetikum aufgeschoben und bildet dort den untersten Deckenstapel. Später glitt das Ostalpin von Süden kommend über den Flysch und bedeckte ihn weitgehend. Nur am Nordrand der Alpen blieb ein Teil unbedeckt. Diese Flyschzone zieht heute als schmaler Streifen am Außenrand des Gebirges entlang (Abb. 3).
Die Flyschberge zeichnen sich durch sanfte Geländeformen aus und sind damit gut unterscheidbar von den Nördlichen Kalkalpen mit ihrem schroffen Relief. Meistens sind sie bewaldet. Abb. 3 zeigt die Flyschberge im Ausstrich der Kalkgraben-Formation östlich von Oberammergau.
Meyer, R. K. F. (2018): Der Bayerische Alpenrand zwischen Füssen und Berchtesgaden. - 144 S.; München