Geologie und Erdgeschichte von Deutschland

Ruhrgebiet

Untere (Jüngere) Mittelterrasse

Als Untere Mittelterrasse wird im Folgenen die Mittelterrasse im Hangenden der Holstein-Warmzeit bezeichnet. Sie wird auch als Jüngere Mittelterrasse oder Untere Mittelterrasse 2 bezeichnet. Sie ist eine Bildung der Saale-Kaltzeit und entstand unter kaltzeitlichen Klimabedingungen, als das skandinavische Inlandeis bis an den Niederrhein und in das Ruhrgebiet vordrang. Ihre Entstehung lässt sich unterteilen in einen älteren Abschnitt, der vor der Ankunft der saalezeitlichen Gletscher entstand und einen jüngeren Abschnitt, der in unmittelbarer Nähe des Eisrandes aufgeschottert wurde oder der schon der Phase des Eisrückzugs zugeordnet werden muss. Diese zeitliche Abfolge führt dazu, dass die Untere (Jüngere ) Mittelterrasse teilweise unter Grundmoräne oder Schmelzwasserablagerungen der Saale-Kaltzeit liegt.

Nur der erste saalezeitliche Eisvorstoß (Drenthe-Stadium) erreichte das Ruhrgebiet. Mit der Ankunft der Gletscher wurde ein Teil der in ihrem Vorfeld befindlichen fluviatilen Sedimente durch Schmelzwässer umgelagert oder ausgeräumt. Im höheren und damit jüngerem Abschnitt des Terrassenkörpers lässt sich daher eine Unterteilung in rein fluviatile und fluvioglaziale Ablagerungen nicht immer sicher durchführen. Eine stark vereinfachte Gliederung der saalezeitlichen Ablagerungen im Ruhrgebiet zeigt Abb. 1. Sedimente aus der Zeit des zweiten Eisvorstoßes (Warthe-Stadium) sind aus dem Ruhrgebiet nicht bekannt.

Die Untere Mittelterrasse ist insbesondere im westlichen Ruhrgebiet großflächig im Untergrund erhalten geblieben (Abb. 2). Sie entstammt dem Aufschotterungsbereich der Flüsse Rhein, Ruhr und Emscher, deren Ablagerungen sich hier verzahnen.

Abb. 1: Schema der saalezeitlichen Ablagerungen im Ruhrgebiet, stark vereinfacht

Untere Mittelterrasse der Ruhr

Im Ruhrtal lässt sich die Untere Mittelterrasse als Verebnungsfläche mehrere Meter oberhalb der heutigen Talaue nachweisen. Die Differenz schwankt, maximal können es mehr als 15 m werden. Ihre Basis liegt nördlich von Witten bei +78 m NN (JANSEN 1980), im Südosten von Essen bei +59 m NN, südlich des Baldeneysees bei +55 m NN (PIEPER 1990), im Raum Mülheim bei +33 bis +36 m NN und in Oberhausen bei +38 m NN (JANSEN & DROZDZEWSKI 1986). Bei diesen Höhenangaben ist immer zu beachten, dass es im Ruhrgebiet durch den Bergbau zu Geländeabsenkungen gekommen ist, so dass die heutigen Höhenlagen der Flussterrassen mehrere Meter tiefer sein können als zu ihrer Entstehungzeit.

Im Bereich zwischen Witten und Bochum floß die Ruhr vor dem Eintreffen des saalezeitlichen Inlandeises in einem großen nach Norden reichenden Mäander, der auch schon in der vorhergehenden Elster-Kaltzeit aktiv war. Westlich der Wittener Innenstadt verließ der Flusslauf das heutige Ruhrtal, um im Bereich Bochum-Langendreer nach Süden umzubiegen und dann in Witten-Heven wieder das jetzige Ruhrtal zu erreichen. Beim Anrücken der Gletscher blockierten Eismassen und davor abgelagerte Schmelzwässer den Mäander, so dass die Ruhr nach Süden gedrängt wurde und sich ihr heutiges Bett suchte. Der alte Flussverlauf lässt sich anhand fluviatiler Sedimente noch immer nachvollziehen. Während die anrückenden Gletscher die Ablagerungen der Unteren Mittelterrasse auf der Ostseite des Mäanders stark erodierten, sind sie auf seiner Westseite erhalten geblieben.

Nach dem Austritt aus dem Ruhrtal im Bereich Mülheim weitet sich der Ablagerungsbereich der Unteren Mittelterrasse und erreicht dort eine Breite von beinahe 3 km. Der Terrassenkörper lässt sich nach Nordwesten in den Raum Dinslaken verfolgen, was anzeigt, dass die Ruhr zur Entstehungszeit der Untere Mittelterrasse einen weiter nach Norden reichenden Lauf hatte als heute. Im Raum Dinslaken gehen die Ablagerungen von Rhein, Emscher und Ruhr schließlich ineinander über und beeinflussen sich in ihrer Sedimentzusammensetzung (Abb. 2).

Aufgebaut wird der Terrassenkörper, der bis zu 15 m mächtig werden kann, hautsächlich aus Sanden und Kiesen, oft mit einem schwachen Schluffanteil. In der Kiesfraktion finden sich vor allem Mittel- und Grobkies. Die Untere Mittelterrasse der Ruhr ist damit im Vergleich zu den Unteren Mittelterrassen von Emscher und Rhein recht grobklastisch ausgebildet. In der Kiesfraktion finden sich naturgemäß Komponenten, die vor allem das anstehende Gestein des bergischen und sauerländischen Einzugsgebietes der Ruhr widerspiegeln. Nordische Geschiebe treten nur sehr vereinzelt auf.

Überdeckt wird die Untere Mittelterrasse im Ruhrtal oftmals von Jüngerem Löss, also von äolischen Sedimenten der folgenden Weichsel-Kaltzeit. Die Terrasse steht daher nicht direkt an der Oberfläche an und sie ist auch nicht immer morphologisch erkennbar. Außerhalb des Ruhrtals liegt die Untere Mittelterrasse meist unter Grundmoräne und in Richtung Westen unter der Niederterrasse des Rheins. Dort überlagert sie ihrerseits Sedimente der Holstein-Warmzeit, die im Raum Oberhausen und Dinslaken auch als Sterkrade-Schichten bezeichnet werden oder sie liegt unmittelbar auf den dort verbreiteten Ablagerungen des Tertiärs.

Abb. 2: Verbreitung der Unteren Mittelterrasse im westlichen Ruhrgebiet, verändert nach GEOLOGISCHER DIENST NRW (2020)

Untere Mittelterrasse des Rheins

Im Westen reichen auch die Terrassenablagerungen des Rheins bis an das Ruhrgebiet hinein. Im Stadtgebiet Duisburg befindet sich die Untere Mittelterrasse des Rheins verborgen unter der Niederterrasse oder unter Grundmoränen oder Vorschüttsanden der Saale-Kaltzeit. Im Vergleich zur Unteren Mittelterrasse der Ruhr ist die Untere Mittelterrasse des Rheins deutlich sandiger ausgebildet (JANSEN 1991). Dort, wo sie unterhalb der Niederterrasse liegt, ist die Abgrenzung schwierig, da beide Terrassenkörper petrographisch ähnlich ausgebildet sind. Im Raum Duisburg liegt die Basis der Untere Mittelterrasse des Rheins zwischen +27 und +31 m NN, ihre Mächtigkeit kann dort maximal 17 m erreichen (JANSEN 1991).

Untere Mittelterrasse der Emscher

Die Untere Mittelterrasse der Emscher besteht hauptsächlich aus Schluff, Fein- und Mittelsand. Dazu können geringe Ton- und Karbonatanteile kommen. Sie liegt holsteinzeitlichen Ablagerungen oder der Oberkreide auf und wird ihrerseits von Grundmoräne oder äolischen Sedimenten überdeckt. Schluffige Anteile gehen auf eingeschwemmten Löss zurück. Durch Nebenflüsse wurde auch gröberes Material zugeführt, das ursprünglich aus Terrassenablagerungen der Ruhr stammte.

Eine besonders mächtiges, rämlich aber begrenztes Vorkommen tritt im Essener Norden auf (Abb. 3). Dort finden sich im Liegenden von äolischen Ablagerungen 15 m überwiegend tonig-schluffige Sedimente fluviatiler Entstehung und darüber 3 m mächtige Sande und Kiese, die zusammen der Unteren Mittelterrasse der Emscher zugeordnet werden (PIEPER 1990) und sich somit auf 18 m Mächtigkeit aufaddieren.

Abb. 3: Profilschnitt (überhöht) im Raum Altenessen, verändert nach PIEPER (1990)

Literatur

GEOLOGISCHER DIENST NRW (2020) [Hrsg.]: Integrierte Geologische Landesaufnahme in Nordrhein-Westfalen. - Erläuterungen zum Kartierprojekt Ruhrgebiet. - 176 S., 86 Abb.; Krefeld.

JANSEN, F. (1980): Erläuterungen zu Blatt 4510 Witten. - Geol. Kt. Nordrh.-Westf. 1:25000, 176 S., 22 Abb., 20 Tab., 5 Taf.; Krefeld

JANSEN, F. (1991): Erläuterungen zu Blatt 4506 Duisburg. - Geol. Kt. Nordrh.-Westf. 1:25000, 179 S., 13 Abb., 17 Tab., 5 Taf.; Krefeld

JANSEN, F. & DROZDZEWSKI, G. (1986): Erläuterungen zu Blatt 4507 Mülheim an der Ruhr. - Geol. Kt. Nordrh.-Westf. 1:25000, 200 S., 18 Abb., 17 Tab., 4 Taf.; Krefeld

PIEPER, B. (1990): Erläuterungen zu Blatt 4508 Essen. - Geol. Kt. Nordrh.-Westf. 1:25000, 136 S., 14 Abb., 17 Tab., 4 Taf.; Krefeld